Frauenhaus24 - Sofortaufnahme für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder

Bitte beachten Sie:

Stand 19.03.2020

Trotz der Pandemie-Maßnahmen können das Angebot des Frauenhaus24 mit Einschränkungen aufrecht erhalten.

Telefonisch sind wir erreichbar: 0800 77 080 77

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Unsere Gäste am 13.02.2020

Am 13.02.2020 haben wir in Hannover die offizielle Eröffnung der Sofortaufnahme für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder – Frauenhaus24 gefeiert. In einem kleinen Festakt im Kulturzentrum Pavillon haben wir den Werdegang nachvollzogen und unsere Idee und unsere Haltung präsentiert. Lesen Sie hier unsere (redaktionell bearbeitete) Rede.

2018 wurden 122 Frauen durch ihren Partner, Lebensgefährten, Ehemann oder Ex ermordet, getötet oder so schwer verletzt, dass sie starben. Diese Zahlen zeigen nur das Hellfeld dieser Form patriarchaler Gewalt - es gibt viele Leerstellen in diesen Statistiken. Vulnerabilität von beispielsweise Transfrauen oder Sexarbeiterinnen* sind nicht Teil des gesellschaftlichen Narrativ.

Ebenso herrscht nach wie vor der Glaube, dass es Gewalt gegen Frauen gäbe – die deren Kinder nicht betreffen würde. Darum werden Daten über mitgetötete oder mitbetroffene Kinder noch kaum erhoben oder Sachverhalte als solche erkannt.

Gewalt umfasst für uns: Körperliche Gewalt wie Schlagen, Würgen, Treten, sexualisierte Gewalt: Vergewaltigung, sexuelle Nötigung, Angrabschen, psychische Gewalt: Drohungen, Stalking, Beschim­pfungen und Erniedrigungen, emotionale Gewalt: wie das Androhen von Tötungen von Haustieren, sich selbst oder Bedrohung von nahstehenden Personen, ökonomische Gewalt: das Sperren des Kontos, Zerstören von Sachen, Schulden machen … Kinder sind immer von Gewalt (mit-)betroffen und oftmals direkter Gewalt ausgesetzt.

Frauenhäuser sind in den 70er Jahren als Teil der Frauenbewegung entstanden - mit dem Ziel patriarchaler Gewalt entgegen zu treten, betroffenen Frauen Schutzräume zu bieten und mit dem Ziel den Frauen zu ermöglichen, den Gewaltkreislauf zu durchbrechen, um ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben aufbauen zu können.

Aus dieser Idee heraus ist auch das Frauenhaus Hannover - Frauen helfen Frauen e.V. 1977 entstanden. Es bietet seitdem Frauen und Kindern die von Gewalt betroffen sind, direkte Unterstützung und hat die Aufgabe gewaltförmige gesellschaftliche Strukturen aufzubrechen.

Die Autonome Frauenhausbewegung ist eine feministisch-emanzipatorische Bewegung - auch mit dem Ziel Ausgrenzung zu verhindern, Theorien, Wirklichkeiten und gesellschaftliche Perspektiven miteinander abzugleichen und sie immer wieder zu hinterfragen, zu korrigieren, anzupassen und zu verbessern.

Bereits seit 2014 stellten alle drei hannoverschen Einrichtungen zum Schutz und zur Unter­stützung gewaltbetroffener Frauen und ihrer Kinder zunehmend fest, dass immer seltener freie Plätze für eine sofortige Aufnahme zur Verfügung standen. Seit 2017 entwickelte sich die Kooperation zwischen dem Frauen- und Kinderschutzhaus Hannover, dem Frauenhaus der AWO in der Region Hannover und dem Autonomen Frauenhaus Hannover. Gemeinsam wurde die Idee weiterentwickelt und das Konzept erstellt.

Durch die Unterstützung und Förderung der Stadt Hannover und der Region Hannover konnte eine deutliche strukturelle Verbesserung des Hilfesystems für gewaltbetroffene Frauen und ihre Kinder aufgebaut werden und zudem wurde ein klares Signal gegen Gewalt gegen Frauen und ihre Kinder gesetzt.

Nach der Konzeptentwicklung und der Bereitstellung der Gelder stellte sich die Immobiliensuche als sehr schwierig heraus. Die Angebote waren zu teuer, zu klein oder nicht barrierearm. Um der Unterversorgung trotzdem zügig gerecht zu werden, stellte uns die Stadt Hannover eine Übergangsimmobilie zur Verfügung. Diese ist leider baulich nicht geeignet das Konzept von Frauenhaus24 vollständig umzusetzen.

Glücklicherweise können wir heute öffentlich mitteilen, dass wir 2020/ 2021 in einen geeigneten Neubau umziehen können. Der Barrieren-reduzierte Neubau wird vielfältige Möglichkeiten flexibler Belegung bieten und damit vielen Bedarfen gerecht werden.

Mit der Sofortaufnahme haben Frauen und Kinder 24 Stunden an 365 Tagen im Jahr die Möglichkeit den Gewaltkreislauf zu durchbrechen – Beratung, Aufnahme und Unterstützung zu bekommen - unabhängig von ihren sonstigen Lebenssituationen. Wir schließen hier ausdrücklich Transfrauen ein.

Ganz praktisch bedeutet Unterstützung im Frauenhaus24: ein Bett zum Schlafen, Zugang zu Lebensmitteln und Hygieneartikeln, parteiliche und vertrauliche Gespräche, qualifizierte Beratung über die strukturellen und individuellen Möglichkeiten im Hilfesystem. Es bedeutet auch: Solidarität miteinander und zwischen Kindern zu erfahren. Also wichtige Schritte zur Selbstermächtigung aus einer gewaltvollen Lebenssituation zu erleben.

Frauen und ihre Kinder können bis zu vier Werktagen in der Sofortaufnahme bleiben. In dieser Zeit können sie im Haus durch das Mitarbeiterinnenteam individuelle Beratung erwarten. Wir unterstützen bei der Suche nach einem Frauenhausplatz, bei der Suche nach geeigneten Beratungsstellen, nach anderen Möglichkeiten …

Nach der Aufnahme wird auch die Frage der Bedrohung und der Sicherheit besprochen. Die gewaltbetroffenen Frauen können in der Regel ihre Situation realistisch einschätzen und werden von uns unterstützt ggf. Sicherheitsmaßnahmen zu ergreifen. Sie entscheiden selbst ob sie zum Beispiel in eine andere Stadt oder sogar Bundesland fliehen müssen.

Gerade in den ersten Tagen entscheidet sich oftmals ob Frauen weiter fliehen müssen, an welchen Ort sie gehen möchten und welche Barrieren im Wege stehen. Ziele können sein / werden:
die alte Wohnung, eine Kinderschutzeinrichtung, Unterschlupf bei den Eltern, Aufenthalt in einem Krankenhaus etc. sein. Diese Bedarfe sind sehr individuell und je nach persönlicher Situation unterschiedlich.

In Niedersachsen ist das Frauenhaus24 in Hannover die einzige Frauenunterstützungseinrichtung dieser Art. Bundesweit gibt es derzeit nur in Hamburg ein ähnliches Projekt, die Zentrale Notaufnahme der Hamburger Frauenhäuser 24/7 - Soforthilfe und Schutz.

Seit dem 23. Januar bis zum 13. Februar haben 26 Frauen und 28 Kinder in unserer Sofortaufnahme in Hannover Zuflucht gefunden. Sie haben individuelle Beratung erhalten, konnten an Frauenhäuser (niedersachsenweit) vermittelt werden oder haben in den Tagen im Frauenhaus24 andere Perspektiven und Möglichkeiten für sich entwickeln und dann auch umsetzten können.

Hinter uns - und damit sind vor allem die Kolleginnen* des Autonomen Frauenhauses und des Frauenhaus24 gemeint - aber auch des Frauen- und Kinderschutzhauses und des Frauenhauses der AWO – hinter uns liegt eine spannende aber auch stressige Zeit.  Sie ist vor allem geprägt durch Verhandlungen, Überstunden, Entscheidungen, Diskussionen, leider auch durch Abstriche, aber auch durch jede Menge Spaß und Freude am Aufbau eines neuen feministischen Projekts.

Wir haben engagierte und qualifizierte Frauen* für unser multiprofessionelles und multilinguales Team gesucht und auch gefunden! Binnen weniger Wochen wurden alle neuen Kolleginnen mit den konkreten Anforderungen an eine Frauen­hausmitarbeiterin vertraut gemacht und intern hierzu weiterqualifiziert.

Gemeinsam wurden Fachfortbildungen besucht und konkrete inhaltliche, sowie organisatorische Einarbeitungen durch die Mitarbeiterinnen des Frauenhaus Hannover getragen. Diese Prozesse sind nicht abgeschlossen und werden kontinuierlich weitergeführt. Dennoch hat das neue Team sich menschlich und inhaltlich zusammengefunden und die gemeinsame Grundlage der Arbeit miteinander abgeglichen.

Wir stehen hinter Frauenhaus 24, sehen dieses als gutes Konzept und sind als Verein dennoch der Meinung, dass es nicht die Lösung gegen Gewalt gegen Frauen ist oder sein kann – es ist ein Baustein um das Unterstützungssystem weiter auszubauen bzw. zu erweitern.

Wir alle vom Verein Frauenhaus Hannover - Frauen helfen Frauen e.V. werden uns auch weiterhin für die Stärkung von Frauen*rechten und die Ächtung patriarchaler Gewalt einsetzen.

Danke an alle, die geholfen und unterstützt haben, an alle die mitgemacht und mitgetragen haben.

Vortrag als PDF